Leseprobe „Goslars Patrizierhäuser“

Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung

  • Allgemeine Übersicht (Stadtplan)
  • Verborgene Bauteile
    • Keller
    • Brandmauern
    • Sockel und sonstiges Mauerwerk
  • Steinmaterial, Mörtel und Bautechnik
  • Bauperioden als Spiegelbild der Stadtgeschichte
  • Architekturgliederungen

I Romanische Bauteile

a) Erhaltene Beispiele

  1. Rest einer Kemenate am St. Annenhaus
  2. Rest einer Kemenate Bäringerstraße 7
  3. Die Kemenate Bergstraße 5
  4. Die Kemenaten am Kloster Neuwerk
  5. Romanische Mauerreste im Bereich des Schwiecheldthauses
  6. Romanische Baureste am Hofgebäude des Waaghauses Markt 7
  7. Ein repräsentativer Keller unter dem Haus Markt 6
  8. Der Keller des Küsterhauses vom Frankenberg
  9. Die Kemenate Schreiberstraße 11
  10. Mauern in der Münzstraße
  11. Die Kemenate Schreiberstraße
  12. Reste weiterer Kemenaten in der Schreiberstraße
  13. Romanische Kellerfenster
    • Bäringerstraße 28 A
    • Peterstraße 19/20

b) Nach Abbildungen, Fotos und Zeichnungen rekonstruierbare Bauten

  1. Die Kemenate an der Ecke Klapperhagen – Gemeindehof
  2. Die Kemenate Bäringerstraße 32
  3. Die Kemenate Knochenhauerstraße 1

c) Wiederverwendete Architekturteile

  1. Frankenberger Straße 11
  2. Marktstraße 45
  3. Schreiberstraße 1 und 2
  4. Glockengießerstraße 71

d) Ausgrabungsfunde und Einzelstücke

  1. Rundbogenfenster
  2. Kämpferblöcke
  3. Fensterarkaden
    • Die Kapitelle
    • Die Basen
    • Die Säulenschäfte
  1. Die Ecksäulen
  2. Sonstiges

Einsteinfenster

II Frühgotische Bauten und Bauteile

a) Erhaltene Beispiele

  1. Kornstraße 9
  2. Schreiberstraße 1
  3. Kemenate am Brusttuch
  4. Die Kemenate Schreiberstraße 2
  5. Zwei Kemenaten bei Neuwerk
  6. Der steinerne Wohnbau Frankenberger Straße 25

b) Nach Abbildungen, Fotos und Zeichnungen rekonstruierbare Bauten

  1. Marktkirchhof 1
  2. Bäringerstraße 32
  3. Bergstraße 4
  4. Die Alte Münze in der Münzstraße 11
  5. Markstraße 45
  6. Ecke Klapperhagen – Gemeindehof

c) Wiederverwendete Architekturteile

  1. Jakobistraße 11
  2. Frankenberger Straße 11
  3. Ruine hinter dem Kaiserhaus und Pforte an der Unteren Schildwache
  4. Anbau Marktstraße 1 zur Münzstraße
  5. Königstraße 1 – Domraum des Museums

d) Ausgrabungsfunde und Einzelstücke

  1. Kleeblattbogenstürze
  2. Kapitelle
  3. Basen und Schäfte

III Spätgotische Bauten und Bauteile

a) Einleitung

b) Bürgerhäuser

  1. Eine Kemenate in der Münzstraße
  2. Das Patrizierhaus Schreiberstraße 10
  3. Bergstraße 5
  4. Markstraße 42

c) Einzelobjekte und charakteristische Details

  1. Das Rathaus – Fenster und Portale mit Türblättern
  2. Die Stifiskurie Königstraße 1 – Die Tore
  3. Die Worth – Kathedralgotik, Kreuzstockfenster (?)
  4. Das Brusttuch – reich verzierte Fenstergewände
  5. Das Bäckergildehaus – zweibahnige Fenster
  6. Bergstraße 55, Der Alte Peter – dreibahnige Fenster
  7. Bergstraße 6, Der Ritter Ramm – gestufte und geschwungene Fensterstürze
  8. Ausgrabungsfunde und Einzelstücke

d) Innenräume und Kamine

e) Exkurs: Verschluß der Lichtöffnungen – Fenster

f) Bauherrschaflt und Bauleute

g) Erklärung der Fachausdrücke

h) Literatur und Anmerkungen zu den Teilen I und II

Literatur und Anmerkungen zum Teil III

i) Sachregister

Ortsregister

Personenregister

 

Aus Ausgrabungsfunden zusammengesetzte, so nicht erhaltene Arkade aus dem 13. Jahrhundert.

Einleitung

Goslar ist eine Fachwerkstadt. Das Straßenbild der Altstadt wird geprägt von den strengen Gittermustern der Zimmermannskonstruktionen als eindrucksvolle Zeugen der Holzbaukunst. Die wenigen Putzbauten dazwischen fallen kaum auf und werden, weil unscheinbar und immer stark verändert, als moderne Wohn- und Geschäftshäuser angesehen. Selten machte sich bisher jemand die Mühe, den Spuren mittelalterlicher steinerner Wohnbauten nachzugehen.

Dabei sind steinerne Wohnbauten in Mittel- und Nordeuropa ein Zeichen für die Sozialstruktur der Orte und für den Reichtum der Städte. In einem umgekehrten Verhältnis zur heutigen Zeit konnten sich nur sehr wohlhabende Bauherren die teuren Steinbauten leisten. Fachwerkhäuser waren wesentlich billiger. Eine Steinarchitektur war somit nicht nur ein Sicherheitsbedürfnis, sondern auch ein Standessymbol. So sind die Mischbauweisen, steinerne Erd- und Fachwerkobergeschosse und die Versuche, im Holz die Formensprache der Steinarchitektur zu imitieren, zu erklären. Umgekehrt sind niemals Abhängigkeiten zu beobachten.

Die Bearbeiter des Bau- und Kunstdenkmälerinventares von Goslar, v. Behr und Hölscher, schreiben im Jahre 1901 „ein romanisches Privatwohnhaus gibt es in Goslar nicht” (S. 525). Sie verweisen dann auf das Kaiserhaus als Beispiel für die Zeit des romanischen Baustils. Später führen sie allerdings einige Bauten mit Architekturteilen als Reste aus dieser Zeit auf, von denen sie jedoch schreiben: „Es sind indessen Zweifel laut geworden, ob die aus der romanisch-gotischen Übergangszeit herrührenden Bauteile an den genannten Gebäuden ursprünglich für dieselben gearbeitet, oder ob sie nicht vielmehr an kirchlichen Gebäuden angebracht gewesen sind und erst nach deren Abbruch diese anderweitige Verwendung gefunden haben.“ 

Die vielen aus dem 15. Jahrhundert stammenden Fensterarkaden stimmen in der Abmessung und in den Kapitellformen so weitgehend überein, daß man fast von einer Serienproduktion einer Steinmetzwerkstatt sprechen kann. In jener Zeit waren in Goslar kaum noch Arbeiten an Kirchen und Klöstern im Gang. Dagegen hatte das Bürgertum nach dem großen Privileg Kaiser Friedrichs II. von 1219 und guten Einkommensverhältnissen aus Bergbau und Hüttenwesen Auftrieb bekommen. Die sich bildende Schicht der Patrizier konnte sich repräsentative Steinbauten leisten. Deshalb ist es aus dieser Sicht unwahrscheinlich, daß alle aus der romanisch-gotischen Übergangszeit stammenden Fensterarkaden erst im 16. Jahrhundert als Abbruchmaterial aus Kirchen und Klöstern in Neubauten übernommen worden sind.

In einigen wenigen Fällen aber ist tatsächlich eine Wiederverwendung alter Architekturteile anzunehmen. Die zugehörigen Bauten stammen jedoch aus der Zeit vor der Zerstörung der außerhalb Goslars liegenden Klöster im Jahre 1527. Es ist deshalb eher daran zu denken, daß diese Teile von den Vorgängerbauten an gleicher Stelle stammen. Allerdings sind in der Neuzeit vielfach Architekturteile aus der romanischen und frühgotischen Zeit in Neubauten wieder eingesetzt worden, beginnend mit dem Neubau des Archivgebäudes in der Münzstraße 1907.

Zur Zeit der Bearbeitung des Inventars von 1901 standen noch einige frühgotische Wohnhäuser, die über die Betrachtung einzelner Architekturteile hinaus die Gesamtform erkennen ließen. An ihnen wären noch eingehendere baugeschichtliche Untersuchungen möglich gewesen. Überraschenderweise haben die Verfasser des Kunstdenkmälerbandes dies nicht versucht. Mithoff, der 1862 ein erstes Inventar der mittelalterlichen Kunstwerke aufgestellt hat, war da etwas gründlicher. Er hat sich zwar im Text kurz gefaßt, dafür aber Zeichnungen, sogar von Hausgrundrissen, angefertigt, auf die man heute zurückgreifen muß, weil die Bauten inzwischen untergegangen sind.

Bei den baugeschichtlichen Untersuchungen der Kurien des Goslarer Domstiftes habe ich bemerkt, daß in den Bauten viel mehr mittelalterliche Teile enthalten sind, als dies der Augenschein vermuten läßt. Das war der Anlaß, mein in Jahrzehnten angesammeltes Material noch einmal durchzusehen und zu ergänzen. In meinem Buch „Das Goslarer Bürgerhaus“ von 1959 hatte ich zwar die mittelalterlichen Beispiele erfaßt und sogar die vorher abgebrannten mit aufgeführt, die erneute Bearbeitung zeigte jedoch, daß noch weitere Ergebnisse zu gewinnen waren. Demnach sind nicht nur die Fachwerkbauten in Goslar beispielhaft gut und umfassend erhalten, sondern auch noch viele Zeugen des mittelalterlichen Profanbaues aus Stein.

 

 

Der Band über Bremen in der Reihe „Das deutsche Bürgerhaus” gab mir die Anregung, auch von einigen längst verschwundenen aber beispielhaften Wohnhäusern für diese Veröffentlichung Rekonstruktionszeichnungen anzufertigen. Benutzt wurden dafür alte mehr oder minder zufällig entstandene Handzeichnungen, Mithoffs Inventar, Bauakten (seit 1871) und alte Fotos. Der jeweilige Nachweis wird bei der Baubeschreibung der Objekte geführt. Diese Zeichnungen sind zwar nicht als korrekte Aufmaße anzusehen, können jedoch einen Eindruck davon vermitteln, welche großartigen Bürgerhäuser Goslar einst besessen hat. Vor allem in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg sind viele oft nach Bränden abgebrochen worden, obwohl die steinernen Außenwände nur wenig beschädigt waren. Unseren Vorfahren deshalb Vorwürfe zu machen, ist müßig, schließlich geht der Verlust an historischer Bausubstanz auch heute weiter.

Die Zeichnungen in den beiden Inventaren sind hier als Abbildungen wiederverwendet und mit „Mithoff”, bzw. “KD“ für den Kunstdenkmälerband gekennzeichnet worden, andere mit einem Klartext, wie z. B. „Foto Th. Geyer 1950“. Die Aufmaße und Zeichnungen ohne einen Hinweis auf den Verfasser stammen von mir. In dem 1862 erschienenen Band von Mithoff hat dieser auch Zeichnungen verwendet, die ihm von anderen zur Verfügung gestellt worden waren. Vor allem war dies ein staatlicher Bediensteter, der „Bauconducteur” Witting, der nach dem „Goslarschen Adreß-Buch“ von 1855“ in der Bäckerstraße 272, heute Nr. 21 (Stadtsparkasse), wohnte. Mehrere der von der Hannoverschen „Hof Steindruckerei v. Jul. Giere” angefertigten Tafeln tragen den Hinweis in der linken unteren Ecke „Nach Aufnahmen von Witting”. Insbesondere handelt es sich dabei um Aufmaße einzelner Fensterarkaden. Einige Perspektiven sind nicht so glücklich ausgefallen, dabei mag hier unentschieden bleiben, ob dies nicht dem Zeichner in der Druckerei zuzuschreiben ist. Zum Beispiel könnte dieser die weißen Gipsfußböden mißverstanden und nachträglich Dielen eingetragen haben, wie dies beim Innenraum der Kemenate Schreiberstraße 10 auf Tafel XL geschehen ist. Die einzelnen kleinen Aufmaße sind willkürlich geordnet. Auf engstem Raum zu Tafeln zusammengefaßt, waren sie für meinen Text ungeeignet. Ich habe sie deshalb einzeln herausgenommen und gelegentlich auch im Maßstab verändert. Die Lithographien haben ihren eigenen Reiz. Ich habe deshalb auch die perspektivischen Zeichnungen hier mit veröffentlicht. Außerdem ist Mitthoffs Werk eine Rarität. Ich habe mir allerdings erlaubt, sie in den Größenverhältnissen für dieses Buch passend zu machen. Die in dem offiziellen Kunstdenkmälerinventar von 1901 enthaltenen Zeichnungen hat der Regierungsbaurat v. Behr für dieses Werk geschaffen.

Bei der Aufarbeitung der Unterlagen wurde deutlich, daß die für die romanische und die frühgotische Zeit eingerichtete Gliederung nach Einzelobjekten für die spätgotische Zeit nicht in gleicher Ausführlichkeit weitergeführt werden konnte. Die Anzahl der zu erfassenden Bauten, Bauteile und Baureste war zu groß und hätte zu vielfachen Wiederholungen bei den Beschreibungen geführt. Deshalb wurde ein anderer, stärker zusammenfassender Text gewählt, in dem trotzdem nicht ganz auf Wiederholungen verzichtet werden konnte, weil damit zu rechnen ist, daß das Buch auch Nachschlagezwecken dienen wird.

Nach der Vorstellung einiger typischer Bauten (= IIIb1-4) wurden deshalb mehrere Gruppen gebildet, die vergleichbare Architekturteile besitzen (III C 1 – 7). Dabei sind einem charakteristischen Bau weitere gleiche Einzelheiten an anderen Häusern zugeordnet worden, wie z.B. Portale, Tore und verschiedene Fensterformen. Ein ausführliches Register der behandelten oder nur erwähnten Gebäude soll deren Auffindung erleichtern und die unterschiedliche Textgliederung ausgleichen.

Erfaßt werden hier auch die vielen, bei Ausschachtungsarbeiten in der Altstadt gemachten Einzelfunde von Architekturteilen. 6) Sie können helfen, das Bild der miittelalterlichen Stadt, in der es demnach mehr Steinbauten gegeben hat, als man dies bisher vermutete, abzurunden. Ein Stadtplan dient als Übersicht. Dabei ist jedoch anzumerken, daß dieser unvollständig ist, weil keine flächendeckenden oder geordneten Ausgrabungen gemacht wurden, sondern allein der Zufall von Baumaßnahmen Funde ergab.

Verborgene Bauteile

Nur als Hinweise mögen mittelalterliche Brandmauern, Wand- und Sockelmauerwerke dienen, die einen Verdacht begründen und zu weiteren Untersuchungen anregen sollten. Völlig ungenügend sind bisher die ausgedehnten Kellergewölbe unter den heutigen Häusern erforscht, die noch weitgehend aus dem Mittelalter stammen. Hier wären Aufmaße und Untersuchungen sicher aufschlußreich und in Zukunft notwendig, um das Bild des mittelalterlichen Goslars noch weiter anzureichern.

Keller

Die romanischen Keller unter Bürgerhäusern sind relativ kleine Tonnengewölbe von 2 – 5 m Spannweite. Sie sind fast alle rechtwinklig zur Straße angeordnet und hatten oft einen Zugang von dort aus. Bei einigen hat man offenbar die Ausschachtung so vorgenommen, daß der Erdkern als Form benutzt werden konnte, wie es Spuren in den Fugen und eine unregelmäßige Rundung der Wölbung vermuten lassen. Der Erdkern wurde dann wohl durch den Eingang an der Stirnseite nach Fertigstellung der Gewölbeschale herausgebracht.

In die romanisch-gotische Übergangszeit fällt dann die Entwicklung einer Wölbung auf Schalung. Dabei wurden auf Sockelmauern, die deshalb einen kleinen Absatz besitzen, die Lehrbögen aufgestellt. Kurze Bretter, die jeweils nur über zwei Bögen reichten, dienten dann als Schalung für die eigentliche Wölbung. In vielen Kellern sind die Abdrücke der unterschiedlich dicken, gelegentlich mit einer unregelmäßigen Baumkante versehenen Bretter noch gut zu erkennen, weil die Wölbsteine mit viel Mörtel aufgebracht wurden. Auch die abschnittsweise Erstellung der Gewölbe läßt sich so noch manchmal ablesen.

Die ältesten Gewölbe sind sorgfältig mit in Richtung auf den Mittelpunkt des Halbkreises ausgerichteten hochkant gestellten Steinen hergestellt worden, dabei fanden auch Schieferknubben Verwendung. Die auf einer Schalung erstellten Wölbungen wurden dagegen oft mit einem größeren Mörtelanteil aus Steinen „gepackt”. Die Konstruktion ähnelt dann mehr einem sehr groben Beton. So läßt sich auch die dicke Mörtelschicht an den Unterseiten mit den Brettabdrücken erklären.

Besondere Architekturformen sind selten anzutreffen, es handelt sich dann um nach außen oder in einem Innenraum des Hauses sichtbare Fenster- und Türgewände, die unten mit erfaßt werden. Hierbei ist von Interesse, daß vermutlich in frühgotischer Zeit die Kellereingänge in das Hausinnere verlegt wurden. Dabei war die Errichtung eines in die Wölbung einschneidenden Treppenschachtes notwendig. Der nachträgliche Einbau wird gelegentlich noch an der unregelmäßigen Einbindung des Zuganges in das Gewölbe deutlich.

Mit dieser Änderung der Kellereingänge ist die Entstehung der „Kellerhälse” verbunden, die für die Entwicklung der Dälenausstattung des Goslarer Bürgerhauses eine große Rolle spielen sollten. Um die nötige Kopfhöhe zwischen der Treppe und dem Dälenfußboden zu erreichen, mußte diese entsprechend weit in den Raum vorgezogen werden. Den Niedergang hat man dann kastenförmig überbaut, um den nötigen Raumabschluß für den Keller zu erreichen. In diesen Fällen wurden die Kellertüren mit profilierten Sandsteingewänden versehen. In den Buden der ärmeren Bevölkerung reichte zur Abdeckung der Kellertreppe auch eine Klappe im Fußboden.

 

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